Besuch der Cartoonistin Marina Jung im IDAF-Kurs «Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte»
Am 30. September war Marina Jung bei uns im Schulhaus, und wir durften sie zu ihrer Karriere ausfragen. Sie erzählte uns, dass sie schon als Kind gezeichnet hat, am liebsten Lehrpersonen und den Schulalltag. Aufgewachsen ist sie in einem Bergdorf in Graubünden, darum landen Berge und Tiere bis heute fast von selbst in ihren Bildern. Nach dem Illustrationsstudium in Zürich und Bern vermittelte ihr ein Dozent den Kontakt zur Chefredaktorin des Bündner Tagblatts. So wurde ihr Traum wahr, in einer Zeitung abgedruckt zu werden. Ausgelöst hatte ihn Calvin & Hobbes. Der Start war hart: Jeden Freitag war Abgabe. Sie sagte uns aber, dass genau das ihr Tempo und ihren Stil trainiert hat.
70 % Denken, 30 % Zeichnen
Wir dachten, Karikaturisten zeichnen den ganzen Tag. Frau Jung erklärte uns das Gegenteil: Rund 70 % ihrer Arbeit ist Verstehen, also einlesen und mit Leuten reden. Dann sucht sie die Kernaussage und erst danach das passende Bild. Viele Ideen fliegen raus, entschieden wird nach Bauchgefühl. Früher brauchte sie einen ganzen Tag pro Karikatur, heute meist einen halben. Fertig ist sie, wenn sie gut aussieht, die Idee klar ist und die Deadline da ist.
Was darf Satire?
Wir wollten wissen, wo für sie die Grenzen liegen. Sie sagte uns: Kritik geht von unten nach oben, im Rahmen des guten Geschmacks, nie als Aufruf zur Gewalt und immer aus ehrlicher Beobachtung. Dazu kommen Selbstzensur und die Vorgaben von Verlagen. Ihr Vatikan-Buchcover wollte eine Regionalzeitung nicht drucken, also veröffentlichte sie es im Eigenverlag. Politische Korrektheit empfindet sie teilweise als Zensur, mit einem Höhepunkt um 2020. Seit Kurzem spüre sie wieder mehr Freiraum.
Karikatur im Zeitalter von KI und Social Media
Frau Jung erzählte uns, dass Karikaturen auf Papier stärker wirken als online, weil Social Media unsere Aufmerksamkeitsspanne verkürzt. Zeitungen verlieren Leser, die Branche setzt mehr auf Video. KI ist für sie ein Werkzeug, kein Ersatz, denn Humor, Haltung und Charakterentwicklung kann sie nicht. Für Illustratoren könnte es trotzdem eng werden. Ihr Rat an uns: jeden Tag zeichnen, Skizzenbuch führen, mutig sein. Und ihr Schlussgedanke bleibt hängen: Smartphones und KI entfernen uns zunehmend von unseren eigenen Gedanken.
Klein, aber fein: die Schweizer Karikaturisten-Szene
Die Schweizer Szene ist so klein, dass man sich schnell kennt, sagte uns Frau Jung. Einmal im Jahr zeigen alle Karikaturistinnen und Karikaturisten ihre fünf besten Werke in einer gezeichneten Ausstellung, Treffpunkt ist das Makarov. Als Beispiel nannte sie ihren Kollegen Silvan Wegmann, der die Szene mitgeprägt hat. Sie selbst war am Anfang eine der wenigen Frauen im Beruf. Heute ist sie nicht mehr allein, aber Frauen sind immer noch in der Minderheit.
Zwölf Zeitungen, ein Zeichner
Ein Thema hat uns nachdenklich gemacht: die Zeitungskrise. Frau Jung erklärte uns, dass sich immer weniger Zeitungen eigene Karikaturen leisten können. Viele gehören zum gleichen Medienkonzern, und ein einziger Zeichner, zum Beispiel Silvan Wegmann, beliefert bis zu zwölf Zeitungen mit denselben Zeichnungen. Früher wären das zwölf verschiedene Zeichner gewesen. Sie findet das schade. Dafür öffnen sich neue Kanäle wie Social Media. Dort will sie wieder mehr politische Karikaturen veröffentlichen, in der Schweiz und weltweit. Im Moment fehlt ihr die Zeit, aber sie erwartet eine neue Phase.
Text: Vincent Ladwehr, Laurin Christen
Fotos: Suela Tahiri, Zainab Khayat